Anguloa RUIZ & PAVON - die Tulpenorchidee

Nur wenige tropische Orchideen weisen eine so charakteristische Gestalt auf, dass sie hierdurch mit einem allgemein anerkannten deutschen Namen belegt wurden. Zu diesen gehören die etwa 10 Arten der Gattung Anguloa, die in den Anden beheimatet sind. Bevorzugt wachsen sie in feuchten Lagen, an moosbedeckten Felsen und Baumstämmen in Lagen zwischen 1500 und 2500m von Venezuela bis Bolivien. Benannt wurde die Gattung nach Don FRANCISCO DE ANGULO, im 18. Jahrhundert Generaldirektor der peruanischen Bergwerke und Erforscher der dortigen Flora.
Anguloa Es handelt sich um kräftige Pflanzen mit teilweise sehr grßen Pseudobulben und Blättern. Die Blüten stehen einzeln an der Spitze von mit etwas aufgeblasenen Blättern besetzter Stiele. Sie gleichen Tulpenblüten, sind groß und von wachsartiger Beschaffenheit. In der Regel verströmen sie einen starken Duft. Wie bei anderen neuweltlichen Orchideen handelt es sich um sog. Parfümblumen. Hier wird der Duftstoff von Männchen der Prachtbienen (Euglossinen) gesammelt und in dafür vergrößerten Gliedern des dritten Hinterbeinpaares gesammelt und später wieder im Rahmen des Paarungs- und Sozialverhaltens verwirbelt.

Beim Sammeln des Duftstoffes klettern die Bienen an der Lippe (L) in den Blütenkelch hinein. Diese ist nur mit einem schmalen Anhängepunkt mit der Säulenfuß verwachsen. Beim Hinabklettern und Sammeln des Duftstoffs tief im Blüteninneren bzw. beim Rückweg, bei dem die leicht bewegliche Lippe benutzt wird, kippt diese gegen die Säule, wodurch dem Bienenmännchen die Pollenpakete (P) angeklebt werden. Diese Beweglichkeit der Lippe hat den Tulpenorchideen im englischen Sprachraum einen weiteren Namen eingetragen - man bezeichnet sie als 'cradle-orchid' (= Wiegen-Orchidee).

Nach erfolgreicher Bestäubung reifen dann die Kapselfrüchte. Und hier sind die Tulpenorchideen Rekordhalter, zumindest unter ihresgleichen: bei A. ruckeri hat man pro Kapsel etwa 3.9 Millionen Samen gezählt und damit mehr als bei jeder anderen Orchideenart. Jeweils 2564 Samen wiegen dabei 1 Milligramm, was einem Gewicht von etwa 0.39 µg pro Samenkorn entspricht!


Standort im Garten: Fenster des Orchideenhauses.

Text: S.Schneckenburger, Photo: D. Kramer © Text: Botanischer Garten TH Darmstadt