Dendrocalamus giganteus MUNRO und die Bambusverwandtschaft

Zu den Süßgräsern (Gramineae oder Poaceae) gehört die Bambusverwandtschaft. Sie umfasst etwa 1300 Arten in 100 Gattungen (Gramineae insgesamt: ca. 9500 Arten in 670 Gattungen). Ihr Verbreitungsgebiet geht weit über Asien hinaus: sie kommen im südl. N-Amerika, M- und S-Amerika, Afrika, Madagaskar, in Asien sowie in Malesien und N-Australien vor; geographisch ist dieses große Areal etwa durch 50° nördl. Breite auf Sachalin sowie 47° südl. Breite in Chile begrenzt! Für die Freilandkultur in Deutschland kommen natürlich nur Arten mit ausreichender Frosthärte in Frage. In der Regel stammen sie aus den kühl temperierten Regionen Z-Chinas und Japans; in wintermilden Gebieten gedeihen daneben Chusquea-Arten aus Patagonien und Chile.

Die Halme sind in Knoten (Ansatzstelle der Blätter) und Internodien gegliedert. Die Internodien sind bis auf wenige Ausnahmen (bes. Chusquea) hohl; an den Knoten durchzieht eine massive Querwand den Halm. Diese Konstruktion verleiht den Sprossen bei geringem Materialeinsatz eine hohe Stabilität bei gleichzeitig hoher Elastizität. Die Halme kommen schon in der endgültigen Dicke aus dem Boden, hier einem Rhizom entspringend. Botanisch ausgedrückt: es mangelt der Bambusverwandtschaft wie (fast) allen Einkeimblättrigen Pflanzen an der Fähigkeit, sekundär in die Dicke zu wachsen. Die Halme können mit über 30 m Höhe (wie bei der Gattung Dendrocalamus - grch. dendron - Baum, calamos - Halm) wahrhaft gigantische' Ausmaße erreichen. Daneben wachsen sie zeitweise mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Höhe: D. giganteus schafft' unter günstigen Bedingungen 30 cm in 24 Stunden, wobei die Wachstumsgeschwindigkeit in der Nacht am größten ist.

Der Mensch - im Ausdenken von Grausamkeiten sich immer wieder übertreffend - hat dies zur qualvollen Hinrichtungsmethode erkoren - in China und auch auf Bali wurden Verurteilte über wachsenden Halmen auf der Erde festgebunden ...Das schnelle Wachstum hängt auch mit dem Bauprinzip zusammen: in der (unverholzten) Knospe (einer leckeren Zutat der asiatischen Küche) sind die Knoten (Nodien) und Internodien schon angelegt. Durch ein intensives Streckungswachstum der basalen Bereiche jedes Internodiums verlängert sich ein solcher Halm dann sehr rasch. Diese nur zeitlich beschränkt aktiven sog. interkalaren Vegetationspunkte' sind in ihren Möglichkeiten sehr eingeschränkt; sie bilden nur Sprossmaterial und sind nicht in der Lage, z.B. Blatt- oder Blütenanlagen zu entwickeln. Ihre Vielzahl führt jedoch im Zusammenwirken zu diesem raschen (teleskopartigen) Wachstum. Geschützt und gestützt werden die jungen Halme durch die scheidig entwickelten und die Sprossachse fest umschließenden Basalteile der Blätter (Blattscheiden).


Standort im Garten: Dendrocalamus giganteus im Regenwaldhaus; verschiedene Bambusarten im Freiland..
Text: Dr. Stefan Schneckenburger, August 2000 ; © Botanischer Garten TU Darmstadt
Photos: Dr. Detlef Kramer mit Sony Mavica 81