Prof. Dr. R. Leichner
Forschungsschwerpunkte:
Die Arbeitsgruppe hat zwei Forschungsschwerpunkte:
1. Emotion, Kognition und funktionelle Hemisphärenasymmetrie
2. Diagnostik
1. Emotion, Kognition und funktionelle Hemisphärenasymmetrie
Emotionen setzen sich aus drei Komponenten zusammen, a) der kognitiven, das ist das subjektive Erleben, b) der
physiologischen sowie c) der motorischen, die aus Mimik, Gestik und motorischen Reaktionstendenzen besteht.
Musik vermittelt nicht nur Emotionen, sondern löst sie auch aus, wobei sie auf alle drei Komponenten Einfluß nimmt. So
bestimmt sie die ästhetische Erfahrung beim Musikhören, wirkt sich massiv auf physiologische Reaktionen, wie
Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit, aus und verändert Mimik und Gestik und initiiert motorische Reaktionstendenzen.
Die Qualität des Erlebens von Musik wird nicht nur von der Musik selbst, sondern auch vom Hörstil bestimmt, wobei
zwischen einem analytischen und einem empathischen, sich der Musik hingebenden Hörstil unterschieden werden kann.
Untersuchungen zeigen, daß die Schönheit der Musik dann besonders zum Ausdruck kommt, wenn man ihr mit dem
analytischen Hörstil folgt. Dieser Effekt wird durch die funktionelle Hemisphärenasymmetrie hervorgerufen. So ist die rechte
Hemisphäre des Rechtshänders - in die Untersuchungen gingen nur Rechtshänder ein - durch Musik stärker aktiviert als die
linke, wobei die rechte u.a. die Analyse von Melodien, Harmonien, Klangfarbe und der emotionalisierenden Wirkung der
Musik vornimmt, die linke dagegen die Analyse des Rhythmus und des Tempos. Da der analytische Hörstil vorrangig zur
Aktivation der linken und die Musik zur Aktivation der rechten Hemisphäre beiträgt, sind somit beim Musikhören beide
Hemisphären gleichmäßig erregt. Das ist die Voraussetzung dafür, daß Musik subjektiv besonders intensiv ihre Schönheit
entfaltet.
Auch Emotionen sind hemisphärenspezifisch gebunden. So sind bei positiven Emotionen wie Freude und Interesse, die mit
einer Annäherungsreaktion einhergehn, anteriore Bereiche der linken Hemisphäre aktiviert, dagegen anteriore Bereiche der
rechten Hemisphäre bei negativen Emotionen wie Angst und Ekel, die von Vermeidungsreaktionen begleitet werden.
Verschiedene Experimente zeigen, daß die gezielte Aktivation einer Hemisphäre durch Musik sowie der von ihr ausgelösten
Emotion bahnenden, d.h. förderlichen Einfluß auf nachfolgende kognitive Leistungen nimmt. Da die Hemisphären auf
unterschiedliche kognitive Leistungen spezialisiert sind, die linke auf die Aufnahme und Verarbeitung serieller Ereignisse, wie
Sprache, die rechte auf die Enkodierung gestalthafter Informationen, kann somit durch Musik gezielt die jeweilige kognitive
Leistung beeinflußt werden.
Daß Emotionen hemisphärenspezifisch gebunden sind, wurde ebenfalls in Untersuchungen nachgewiesen, in denen visuelle
emotionshaltige Stimuli lateralisiert, subliminal präsentiert und somit nicht bewußt wahrgenommen wurden. So sind
Reaktionen auf positive Stimuli, die der linken Hemisphäre dargeboten wurden, schnell. Umgekehrt verhält es sich bei
negativen Stimuli. Diese Versuche ergaben auch, daß die Aktivation sensorischer Bereiche einer Hemisphäre ipsilateral zu
einer Aktivationsausbreitung bis zu motorischen Regionen führt, wodurch sich die Reaktionsbereitschaft der kontralateralen
Hand erhöht.
2. Diagnostik
Bei fast allen psychischen Störungen ist auch die Emotionalität betroffen, bei einigen Störungsbildern spielt sie eine
hervorgehobene Rolle. So gilt in neueren Theorien eine Emotionsdysregulation als Kern der Borderline
Persönlichkeitsstörung. Diagnostisch evaluierend werden Behandlungen ambulanter Patienten begleitet. Dazu werden
Fragebögen entworfen und nach Testgütekriterien analysiert.
Auch für die begleitende Evaluation der "Psychoedukativen Familienintervention", der sich schizophrene Patienten und ihre
Angehörigen unterziehen, werden Fragebögen entwickelt. Diese beziehen sich auf die Erfassung der klinischen Besserung,
auf die Ermittlung der Wissenserweiterung durch die edukativen Maßnahmen sowie auf die Akzeptanz der
Intervention.
Während sich dieser die klinische Diagnostik betreffende Forschungsbereich auf die Entwicklung von diagnostischen
Instrumenten und deren Einsatz richtet, werden im Rahmen der Diagnostischen Urteilsbildung die kognitiven Prozesse des
Diagnostikers beim Diagnostizieren näher analysiert. Dabei wird Diagnostizieren auf dem Hintergrund eines allgemeinen
Modells der Informationsverarbeitung gesehen und somit Vorgänge der Informationsaufnahme, der Informationsverarbeitung
sowie die Abgabe des diagnostischen Urteils näher untersucht. Das besondere Interesse gilt dabei Vorgängen bei der
Integration von Informationen unterschiedlicher Modalität.
Schlagwörter:
Emotion, Kognition, Ästhetik, Musik, funktionelle Hemisphärenasymmetrie,
Diagnostik, Evaluation, Schizophrenie, Borderline,
diagnostische Urteilsbildung
Besondere forschungs- und transferrelevante Ausstattung:
tachistoskopischer PC-Versuchsaufbau,
psychophysiologische Meßapparaturen.
Kooperationen:
PKH Phillippshospital Riedstadt (Chefarzt Dr. Berger)